Archiv für Oktober, 2013

Ich verallgemeinere natürlich – natürlich unzulässig und nur für den rhetorischen Effekt. Andererseits: Wenn man sich die Kommentarseiten zur Themenwoche Veganes Leben, die momentan auf Zeit Online läuft, ansieht, kann man schon den Eindruck kriegen, dass der Fleischesser generell mit Schaum vor dem Mund herumläuft wie ein Ochse kurz vor dem Bolzenschussapparat, wenn er das Wort „vegan“ hört.

Schon oft habe ich mich gefragt, warum Fleischesser sich immer so über die Vegetarier und mehr noch die Veganer aufregen müssen. Missionierungszwang wird denen vorgeworfen, dass sie von nichts anderem reden (auch wenn alles, was sie gesagt haben war „Danke, ich esse kein Fleisch“), dass sie sich besser fühlen als die Fleischesser. Nun, ich trau es mich kaum zu sagen, aber ethisch betrachtet sind Veganer nun einmal besser als Fleischesser, das scheint mir auf der Hand zu liegen.

Vorneweg aber erst einmal der Disclaimer: Ich lebe weder vegetarisch noch vegan, noch habe ich vor, das ich näherer Zukunft zu tun. Dennoch erscheint mir eine weitgehend vegetarische Lebensweise ethisch sinnvoll und dass ich nicht so lebe, hat nichts mit der Ethik und nur mit meiner Unzulänglichkeit zu tun.

Es ist doch offensichtlich, dass es ethisch besser ist, kein Fleisch zu essen. Selbst wenn man (wie ich) kein besonderer Tierfan ist und (wie ich) erstmal das Töten eines Tieres zum Verzehr an sich nicht als problematisch sieht (machen Raubtiere ja schließlich auch), sind doch die Bedingungen der Massentierhaltung, in der der Großteil des Fleisches erzeugt wird, ethisch nicht zu rechtfertigen. Das betrifft nicht nur den Tierschutz, sondern auch die ausbeuterischen Bedingungen, unter denen viele Angestellte in der fleischverarbeitenden Industrie arbeiten müssen.

Nun könnte man diesem etischen Dilemma durch den Verzehr von Fleisch aus ökologischer Haltung entkommen. Das ist im Prinzip schon mal gut, ob man damit aber dem System Schlachthof entkommen kann, weiß ich nicht.

Ethisch fragwürdig ist Fleischverzehr weiterhin, wenn man die Auswirkugen auf die Umwelt betrachtet. Erhöhter Ressourcenverbrauch, erhöhte Produktion von Treibhausgasen, Nutzung von Agarflächen für Weideland etc – jeder der es wissen will, kann nachlesen, dass die Fleischproduktion für die Umwelt und für die Ressourcengerechtigkeit global sehr problematisch ist.

Letztlich ist Fleischkonsum, so wie er heute für den Durchschnittsdeutschen üblich ist, auch klar ungesund. Wenn man also durch den Verzehr von ethisch fragwürdig erzeugten Nahrungsmitteln sich selbst auch noch kränker macht, als das nötig wäre, dann kann das die ethische Endbilanz nicht positiv sein.

Wie sieht es nun mit den Veganern aus, quasi den Luxusvegetarieern? Sind die ethisch noch besser, wo doch Vegetarier schon kein Tier töten. Ja, klar, auch das liegt auf der Hand: Solange zum Beispiel in der Gefügelproduktion die männlichen Kühen schlicht weggeworfen werden, weil die keine Eier legen, macht sich, wer Eier kauft, ethisch schuldig. Durch überlegten Einkauf kann man solche Probleme vielleicht minimieren, ob man sie ausschalten kann, darüber weiß ich nicht genug.

Also: Ethisch betrachtet SIND Vegetarier und erst recht Veganer die besseren Menschen. Und ich glaube, genau das ist der Grund, warum Fleischesser so ein Problem mit ihnen haben. Auf deren ethischer Habenseite bleibt nicht viel: „Ich esse Fleisch, weil es schmeckt“. Nun ja, das mag sein, ist aber keine ETHISCHE Kategorie. „Ich esse Fleisch, weil es für den Menschen normal ist“. Das leuchtet mir eher ein, aber Normalität zu definieren, ist ethisch auch schwierig. Schließlich gibt es Gesellschaften, die völlig normal vegetarisch leben – und die gesundheitlich nicht mehr Probleme haben als wir, vielleicht eher weniger.

Und deswegen, glaube ich, fühlen sich Fleischesser auf den Schlipps getreten, wenn sie mit Fleischverweigerern konfrontiert werden: weil sie tief innen wissen, dass sie ihrem persönlichen Bedürfnis nach tierischen Produkten den Vorzug geben vor einer ethisch richtigen Entscheidung in Bezug auf die Ernährung.

Und warum esse ich Fleisch, obwohl ich das alles so schön herausgefunden habe? Na, mir geht’s wie den meisten: Faulheit und Feigheit! Ich bin zu faul, den Kampf mit meiner Familie auszufechten, die Fleischgerichte liebt. Ich mag gelegentlich ein Stück Fleisch. Ich kann den Geschmack von Soja-Milch nicht ausstehen.
Aber immerhin: Ich habe meinen Fleischkonsum stark reduziert und gehöre jetzt zur Sonntagsbraten-Fraktion. Ich esse Fleisch nur noch, wenn ich wirklich Fleisch will und nicht, weil ich etwas Biss in meine Sauce haben möchte.  Ich versuche, tierische Produkte aus ökologischer Produktion zu kaufen. Ich akzeptiere, dass die Geflügelproduktion ethisch nicht zu retten ist und kaufe kein Geflügel mehr (Eier aber schon, der Widerspruch ist anerkannt). Und wenn jemand vegetarisch oder vegan lebt, finde ich das gut! Und während eine veganes Leben für mich so schwer wäre, dass die Faulheit klar überwiegt (sagte ich schon, dass ich Soja-Milch hasse!!), ist doch ein fleischreduziertes Leben so leicht, dass es ethisch betrachtet regelrecht eine Dummheit wäre, es nicht zu versuchen.

 

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