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Teacher Chris im Reality Check I

Veröffentlicht: Dezember 1, 2011 in Lehrlauf
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Schepper, bumms, klirr- schon wieder zerbricht ein von Teacher Chris‘ Identität stiftenden Illusionen – die Illusion nämlich, dass in der Erwachsenenbildung Lehrer und Schüler sich auf Augenhöhe begegnen, dass die lehrerliche Autorität begründet ist durch einen Vorsprung an Wissen, den der Lehrer in seinem Fach dem Schüler gegenüber hat, und nicht durch die Kraft des Amtes und/oder der Institution.

Klar wurde mir jetzt, das viele Schüler das nicht nur nicht so sehen, sondern sogar gerne und freiwillig einen formalen Autoritätsunterschied zwischen sich selbst und den Lehrkräften etablieren wollen.

Was bringt mich zu dieser Einsicht?
Folgendes: Schon seit Jahren frage ich die SchülerInnen jeder Klasse zu Beginn des Schuljahres, ob wir und duzen oder siezen wollen. Wenn ich wählen dürfte, würde ich immer das Duzen bevorzugen, dafür haben die Jahre in England gesorgt, aber da die Konventionen in Deutschland nun eben anders sind, denke ich, diese Frage soll von der Schülerschaft entschieden werden. Von einer Ausnahme abgesehen haben sich bisher alle meine Klasse für das Duzen entschieden. So weit, so gut, ich duze also die Schülerinnen – aber etwa 90% der Schülerinnen siezen mich beharrlich, selbst wenn ich es im Englischunterricht als nicht zu den angelsächsischen Konventionen gehörig verbiete.

Gewundert hat mich das Jahre lang, bis ich mir gestern dachte, ich frag einfach mal nach den Gründen. In einer sehr interessanten und spannenden Diskussion auf Facebook (Danke allen, die sich die Mühe gemacht haben, zu antworten!) wurden folgende Gründe genannt:

  • Man ist es einfach gewöhnt, das Lehrer duzen und Schüler siezen und vergisst, sich umzugewöhnen.
  • Wer kann sich schon merken, welche Lehrkraft man duzen darf und welche nicht.
  • Wenn es Konflikte gibt, kann man die doch nicht per Du austragen.
  • Das Sie der Lehrkraft gegenüber ist ein Zeichen des Respekts.
  • Durch die Trennung in Du und Sie wird eine notwendige innere Ordnung aufrecht erhalten.

Also: Es gibt offensichtlich ein Autoritätsgefälle,  dass durch den Unterschied in der Anrede (Lehrer duzt, Schüler siezen) unterstrichen und vielleicht auch zementiert wird. Dass das in der Kinderschule so ist, mag mir ja einleuchten, aber das Schülerinnen und Schüler in der Erwachsenenbildung sich dieser formalen Herabsetzung freiwillig unterwerfen, wundert mich immer wieder.

Oder geschieht das nicht freiwillig? Muss ich davon ausgehen, dass es eine Minderheit von Schülerinnen gibt, die eigentlich lieber gesiezt würden, aber bei der Frage am Schuljahresanfang kein Theater machen wollen? Diese Frage kann sicher mit ja beantwortet werden – über Jahre bin ich also manchen (vielen?)  Schülerinnen und Schüler mit einer nicht gewollten zu vertrauten Anrede zu nahe getreten und habe genau das getan, was ich nie wollte: ein Autoritätsgefälle erzeugen, das sich auf Macht, nicht auf Wissen stützt.

Und so stehe ich (zum wiederholten Fall in letzter Zeit, deswegen deutet die Überschrift durch die Zählung eine Fortsetzung des Reality Checks an) vor dem Scherbenhäufchen einer Maßnahme, die gut gemeint war, die aber nicht ihr Ziel erreicht.

Also: Auch mir ist es sehr wichtig, meinen Schülerinnen und Schülern zeigen, dass ich Respekt vor ihnen habe. Und so werde ich zum Sie zurückgehen, zumindest für die Personen, die mich nicht duzen möchten.
Ich bin gespannt, wie lange ich brauche, bis ich mich umgewöhnt habe …

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